Nicht vom Tool her denken, sondern vom Kind her
Hallo zusammen,
ich baue digitale Werkzeuge und bin trotzdem ein großer Fan von Papier, Stift und Kopfrechnen. Das klingt nach einem Widerspruch. Ist es aber nicht, wenn man einen Satz ernst nimmt, den ich in jeder Fortbildung sage: Nicht vom Tool her denken, sondern vom Kind her.
Drei Probleme, die ich im Alltag sehe
Ablenkung. Ein Gerät, auf dem alles geht, lädt zu allem ein. In der PISA-Studie 2022 gaben im OECD-Schnitt rund 65 Prozent der Fünfzehnjährigen an, sich zumindest in manchen Mathestunden von digitalen Geräten ablenken zu lassen. Wer sich von den Geräten anderer gestört fühlte, schnitt in Mathematik im Schnitt 15 Punkte schlechter ab. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache, aber er passt zu dem, was wir täglich sehen.
Scheineffektivität. Mit KI sieht das Ergebnis schnell gut aus. Ob dabei auch gelernt wurde, ist eine ganz andere Frage. Eine große Feldstudie mit fast 1.000 Schülerinnen und Schülern in der Türkei hat genau das untersucht (Bastani und andere, PNAS 2025): Mit einem frei nutzbaren KI-Chat lösten die Jugendlichen die Übungsaufgaben deutlich besser. In der späteren Prüfung ohne KI schnitten sie aber schlechter ab als die Gruppe, die ganz ohne KI geübt hatte. Eine zweite KI-Variante, die nur Hinweise statt fertiger Lösungen gab, richtete diesen Schaden nicht an. Die Botschaft ist also nicht „KI ist schlecht“, sondern: Ohne Leitplanken wird KI zur Krücke.
Digitale Überforderung. Eine viel beachtete Untersuchung des MIT Media Lab (Kosmyna und andere, 2025) ließ Erwachsene Aufsätze schreiben: mit KI, mit Suchmaschine oder nur mit dem eigenen Kopf. Die Gruppe ohne Hilfsmittel zeigte im EEG die stärkste Vernetzung im Gehirn, die KI-Gruppe die schwächste. Viele aus der KI-Gruppe konnten kurz danach kaum einen Satz aus ihrem eigenen Text wiedergeben. Wichtig: Die Studie ist klein (54 Teilnehmende) und noch nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet. Ich nehme sie als Warnsignal, nicht als Urteil.
Warum ich ein Fan von Haptik bin
Mit der Hand zu schreiben ist mehr als eine nostalgische Gewohnheit. Eine Forschungsgruppe um Audrey van der Meer an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie hat bei 36 Studierenden mit dem EEG gemessen: Beim Schreiben mit der Hand waren die Hirnregionen deutlich stärker miteinander vernetzt als beim Tippen (Frontiers in Psychology, 2024). Und wer Texte verstehen soll, tut sich auf Papier im Schnitt etwas leichter als am Bildschirm. Das zeigt eine Metaanalyse über 54 Studien von Delgado und anderen (Educational Research Review, 2018), besonders bei Sachtexten und unter Zeitdruck.
Deshalb mein Plädoyer: ein echter Stift statt eines Tablet-Stifts, wo es geht. Ein echtes Buch, das man anfassen, aufschlagen und vollkritzeln darf. Und ein Heft, in dem man seine eigenen Gedanken wiederfindet.
Der Blick nach Dänemark
Dänemark, lange ein Vorreiter der digitalen Schule, steuert um. Bildungsminister Mattias Tesfaye schrieb schon 2023 an die Schulen, Bildschirme könnten Nähe verringern, ablenken und Kinder in manchen Situationen passiv machen. Im Februar 2025 kündigte die dänische Regierung ein Gesetz an, das private Handys und Tablets in Schulen verbietet, im Unterricht und in den Pausen. Ich finde: Das ist kein Zurück in die Kreidezeit, sondern eine erwachsene Korrektur. Erst das Kind, dann das Gerät.
Mathe hat eine Mechanik
Im Matheunterricht sehe ich es jeden Tag: Wer Einmaleins, Brüche und Termumformungen sicher beherrscht, hat den Kopf frei für das eigentliche Denken. Diese Mechanik muss geübt werden, mit Kopf und Stift, immer wieder und am besten in kleinen Portionen. Darum gibt es den Rechenblitz bei Lehrzeug, und darum arbeite ich gerade an einem neuen Kopfrechen-Werkzeug mit dem Arbeitstitel COD3. Mehr verrate ich noch nicht.
RechenblitzKopfrechnen, Klasse 1 bis 10 · Kopfrechenblätter Klasse 1 bis 10, mit Lösungen zum UmknickenUnd ja: Auswendiglernen lohnt sich
Auswendiglernen hat einen schlechten Ruf, zu Unrecht. Wissen im Kopf ist die Voraussetzung dafür, Neues zu verstehen und KI-Antworten überhaupt prüfen zu können. Und das Abrufen selbst ist eine der wirksamsten Lernstrategien, die die Lernpsychologie kennt (Roediger und Karpicke, Psychological Science, 2006). Vokabeln, Formeln, Gedichte, Daten: Was sitzt, das trägt.
Mein Fazit
KI ist ein großartiges Werkzeug. Aber Werkzeuge dienen einem Ziel, und dieses Ziel ist das Lernen des Kindes vor uns. Wer vom Kind her denkt, setzt KI gezielt ein, mit Leitplanken, und lässt sie dort weg, wo Stift, Buch und eigenes Denken mehr bewirken.
Quellen
- Hamsa Bastani und andere: Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics. PNAS 122 (26), 2025, e2422633122.
- Nataliya Kosmyna und andere: Your Brain on ChatGPT. Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task. MIT Media Lab, 2025, Preprint arXiv:2506.08872.
- OECD: PISA 2022 Results, Volume II, 2023 (Ablenkung durch digitale Geräte im Mathematikunterricht).
- F. R. (Ruud) van der Weel und Audrey L. H. van der Meer: Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity. Frontiers in Psychology 14, 2024, 1219945.
- Pablo Delgado und andere: Don’t throw away your printed books. A meta-analysis on the effects of reading media on reading comprehension. Educational Research Review 25, 2018, S. 23–38.
- Henry L. Roediger und Jeffrey D. Karpicke: Test-Enhanced Learning. Psychological Science 17 (3), 2006, S. 249–255.
- Dänemark: Bericht von The Local Denmark vom 28.02.2025 zum geplanten Handyverbot an Schulen, sowie The Copenhagen Post vom 21.06.2023 zum Brief des Bildungsministers an die Schulen.
Wie seht ihr das? Wo hilft euch KI wirklich, und wo lasst ihr sie bewusst weg?
Euer Michael


