Nicht vom Tool her denken, sondern vom Kind her

Ablenkung, Scheineffektivität, digitale Überforderung: Warum ich trotz aller KI ein Fan von echtem Stift, echtem Buch und echtem Kopfrechnen bleibe. Mit Studien, die Hand und Fuß haben.

Michael4 Min. Lesezeit

Hallo zusammen,

ich baue digitale Werkzeuge und bin trotzdem ein großer Fan von Papier, Stift und Kopfrechnen. Das klingt nach einem Widerspruch. Ist es aber nicht, wenn man einen Satz ernst nimmt, den ich in jeder Fortbildung sage: Nicht vom Tool her denken, sondern vom Kind her.

Drei Probleme, die ich im Alltag sehe

Ablenkung. Ein Gerät, auf dem alles geht, lädt zu allem ein. In der PISA-Studie 2022 gaben im OECD-Schnitt rund 65 Prozent der Fünfzehnjährigen an, sich zumindest in manchen Mathestunden von digitalen Geräten ablenken zu lassen. Wer sich von den Geräten anderer gestört fühlte, schnitt in Mathematik im Schnitt 15 Punkte schlechter ab. Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für eine Ursache, aber er passt zu dem, was wir täglich sehen.

Scheineffektivität. Mit KI sieht das Ergebnis schnell gut aus. Ob dabei auch gelernt wurde, ist eine ganz andere Frage. Eine große Feldstudie mit fast 1.000 Schülerinnen und Schülern in der Türkei hat genau das untersucht (Bastani und andere, PNAS 2025): Mit einem frei nutzbaren KI-Chat lösten die Jugendlichen die Übungsaufgaben deutlich besser. In der späteren Prüfung ohne KI schnitten sie aber schlechter ab als die Gruppe, die ganz ohne KI geübt hatte. Eine zweite KI-Variante, die nur Hinweise statt fertiger Lösungen gab, richtete diesen Schaden nicht an. Die Botschaft ist also nicht „KI ist schlecht“, sondern: Ohne Leitplanken wird KI zur Krücke.

Digitale Überforderung. Eine viel beachtete Untersuchung des MIT Media Lab (Kosmyna und andere, 2025) ließ Erwachsene Aufsätze schreiben: mit KI, mit Suchmaschine oder nur mit dem eigenen Kopf. Die Gruppe ohne Hilfsmittel zeigte im EEG die stärkste Vernetzung im Gehirn, die KI-Gruppe die schwächste. Viele aus der KI-Gruppe konnten kurz danach kaum einen Satz aus ihrem eigenen Text wiedergeben. Wichtig: Die Studie ist klein (54 Teilnehmende) und noch nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet. Ich nehme sie als Warnsignal, nicht als Urteil.

Warum ich ein Fan von Haptik bin

Mit der Hand zu schreiben ist mehr als eine nostalgische Gewohnheit. Eine Forschungsgruppe um Audrey van der Meer an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie hat bei 36 Studierenden mit dem EEG gemessen: Beim Schreiben mit der Hand waren die Hirnregionen deutlich stärker miteinander vernetzt als beim Tippen (Frontiers in Psychology, 2024). Und wer Texte verstehen soll, tut sich auf Papier im Schnitt etwas leichter als am Bildschirm. Das zeigt eine Metaanalyse über 54 Studien von Delgado und anderen (Educational Research Review, 2018), besonders bei Sachtexten und unter Zeitdruck.

Deshalb mein Plädoyer: ein echter Stift statt eines Tablet-Stifts, wo es geht. Ein echtes Buch, das man anfassen, aufschlagen und vollkritzeln darf. Und ein Heft, in dem man seine eigenen Gedanken wiederfindet.

Der Blick nach Dänemark

Dänemark, lange ein Vorreiter der digitalen Schule, steuert um. Bildungsminister Mattias Tesfaye schrieb schon 2023 an die Schulen, Bildschirme könnten Nähe verringern, ablenken und Kinder in manchen Situationen passiv machen. Im Februar 2025 kündigte die dänische Regierung ein Gesetz an, das private Handys und Tablets in Schulen verbietet, im Unterricht und in den Pausen. Ich finde: Das ist kein Zurück in die Kreidezeit, sondern eine erwachsene Korrektur. Erst das Kind, dann das Gerät.

Mathe hat eine Mechanik

Im Matheunterricht sehe ich es jeden Tag: Wer Einmaleins, Brüche und Termumformungen sicher beherrscht, hat den Kopf frei für das eigentliche Denken. Diese Mechanik muss geübt werden, mit Kopf und Stift, immer wieder und am besten in kleinen Portionen. Darum gibt es den Rechenblitz bei Lehrzeug, und darum arbeite ich gerade an einem neuen Kopfrechen-Werkzeug mit dem Arbeitstitel COD3. Mehr verrate ich noch nicht.

RechenblitzKopfrechnen, Klasse 1 bis 10 · Kopfrechenblätter Klasse 1 bis 10, mit Lösungen zum Umknicken

Und ja: Auswendiglernen lohnt sich

Auswendiglernen hat einen schlechten Ruf, zu Unrecht. Wissen im Kopf ist die Voraussetzung dafür, Neues zu verstehen und KI-Antworten überhaupt prüfen zu können. Und das Abrufen selbst ist eine der wirksamsten Lernstrategien, die die Lernpsychologie kennt (Roediger und Karpicke, Psychological Science, 2006). Vokabeln, Formeln, Gedichte, Daten: Was sitzt, das trägt.

Mein Fazit

KI ist ein großartiges Werkzeug. Aber Werkzeuge dienen einem Ziel, und dieses Ziel ist das Lernen des Kindes vor uns. Wer vom Kind her denkt, setzt KI gezielt ein, mit Leitplanken, und lässt sie dort weg, wo Stift, Buch und eigenes Denken mehr bewirken.

Quellen

  • Hamsa Bastani und andere: Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics. PNAS 122 (26), 2025, e2422633122.
  • Nataliya Kosmyna und andere: Your Brain on ChatGPT. Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task. MIT Media Lab, 2025, Preprint arXiv:2506.08872.
  • OECD: PISA 2022 Results, Volume II, 2023 (Ablenkung durch digitale Geräte im Mathematikunterricht).
  • F. R. (Ruud) van der Weel und Audrey L. H. van der Meer: Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity. Frontiers in Psychology 14, 2024, 1219945.
  • Pablo Delgado und andere: Don’t throw away your printed books. A meta-analysis on the effects of reading media on reading comprehension. Educational Research Review 25, 2018, S. 23–38.
  • Henry L. Roediger und Jeffrey D. Karpicke: Test-Enhanced Learning. Psychological Science 17 (3), 2006, S. 249–255.
  • Dänemark: Bericht von The Local Denmark vom 28.02.2025 zum geplanten Handyverbot an Schulen, sowie The Copenhagen Post vom 21.06.2023 zum Brief des Bildungsministers an die Schulen.

Wie seht ihr das? Wo hilft euch KI wirklich, und wo lasst ihr sie bewusst weg?

Euer Michael

Geschrieben von

Michael

Lehrer und Macher von Lehrzeug

Ich unterrichte Mathematik, Informatik und Psychologie und baue Lehrzeug in meiner freien Zeit: kostenlos, ohne Werbung und ohne Anmeldung. Ideen und Rückmeldungen sind immer willkommen.

Das könnte dich auch interessieren

So geht’s mit Lehrzeug

Kostenlose Werkzeuge für Lehrkräfte, die in deinem Browser arbeiten. Das Wichtigste in Kürze:

  • In einer Minute fertigWerkzeug öffnen, ausfüllen, drucken oder an den Beamer. Ohne Anmeldung, ohne Einarbeitung.
  • FavoritenMit „Merken“ steht dein Werkzeug oben im Kopf und zuerst auf der Startseite.
  • Vorlagen speichernÜber „Speichern“ legst du je Werkzeug eigene Vorlagen an, zum Beispiel je Klasse oder Fach.
  • Sichern als DateiEine Seite oder alles auf einmal als JSON-Datei: für ein neues Gerät, als Sicherung oder fürs Kollegium.
  • Drucken und PDFA4 oder zweimal A5 auf einem Blatt, mit Kopfzeile, Logo und sauberen Seitenumbrüchen.
  • Für den BeamerVollbild, große Schrift, Steuerung mit dem Klicker. Live-Runden per QR-Code.
  • KostenlosAuch das, was anderswo Geld kostet: Transkription, Live-Umfragen, Tests mit Lösung.
  • Alles an einem OrtEine Werkzeugkiste statt vieler Abos, Konten und Passwörter.
  • Von Lehrkräften für LehrkräfteJedes Werkzeug kommt aus einer echten Situation im Schulalltag.
  • Beta-PhaseLehrzeug wird gerade von vielen Lehrkräften erprobt. Deine Rückmeldung fließt direkt ein.
  • Login geplantWeil so viele mitmachen, kommt ein freiwilliges Konto: Vorlagen auf allen Geräten. Ohne Konto bleibt alles wie jetzt.
Zum Nachlesen: das Lehrzeug-HandbuchAlle Werkzeuge von A bis Z, Schritt für Schritt, mit Bildschirmfotos und Profi-Tipps. 62 Seiten · PDF · 9 MB

Sicher und privat

Lehrzeug-Werkzeuge verarbeiten deine Eingaben im Browser. Nichts wird an den Server übertragen (Ausnahme: Kurzlink).

Live geprüft, gerade eben in deinem Browser

Was dieser Browser für Lehrzeug speichert

Alle Schutzmaßnahmen im Überblick
  • Verschlüsselte Verbindung (HTTPS mit HSTS)Alles läuft verschlüsselt. Dein Browser merkt sich ein Jahr lang, dass Lehrzeug nur verschlüsselt aufgerufen werden darf.
  • Strenge Content-Security-PolicyDer Browser führt nur Programmcode von lehrzeug.online aus. Fremde Skripte, eingeschleuster Code und Inline-Skripte werden blockiert.
  • Keine FremddiensteKeine Google-Schriften, keine CDNs, keine Analyse- oder Werbedienste. Schriften, Bilder und Programmteile kommen alle vom eigenen Server in Deutschland.
  • Keine Cookies, kein TrackingEs gibt kein Profil über dich und keinen Cookie-Banner, weil es nichts zum Einwilligen gibt. Gezählt wird nur anonym, wie oft ein Werkzeug genutzt wird: ohne IP-Adresse, ohne Kennung, ohne Cookie. „Do Not Track“ wird beachtet.
  • Deine Daten bleiben im BrowserKlassenlisten, Noten, Texte und Dateien werden direkt auf deinem Gerät verarbeitet. Sie werden nicht hochgeladen und der Betreiber kann sie nicht sehen.
  • Schutz vor Clickjacking und DatenlecksLehrzeug lässt sich nicht in fremde Seiten einbetten (frame-ancestors, X-Frame-Options), Dateitypen werden nicht erraten (nosniff) und fremde Seiten erfahren nicht, welche Lehrzeug-Seite du besucht hast (Referrer-Policy).
  • Kein Zugriff auf Kamera, Mikrofon oder StandortDie Permissions-Policy verbietet diese Zugriffe für alle Seiten. Auch Werbe-Schnittstellen wie „Topics“ sind abgeschaltet.
  • Private Einstellungen unter VerschlussZugangsdaten und Einstellungen liegen in einem Ordner, den der Server für Besucher komplett sperrt. Vorlagen und Programmteile sind ebenfalls nicht direkt abrufbar.
  • Kurzlink mit MissbrauchsschutzErstellen nur mit Zugangscode, fälschungssichere Formular-Token (HMAC), Begrenzung der Anfragen, Köderfeld gegen Bots, gesperrte Domains, Meldefunktion mit automatischer Sperre. IP-Adressen werden nie gespeichert, nur ein nicht umkehrbarer Prüfwert für höchstens 24 Stunden.
  • Gesicherte VerwaltungAdmin-Bereich und Kurzlink-Verwaltung sind passwortgeschützt, für Suchmaschinen unsichtbar, sperren nach wiederholten Fehlversuchen und ist gegen Anfragen von fremden Seiten (CSRF) abgesichert.
  • SicherheitskontaktWer eine Schwachstelle findet, erreicht den Betreiber über die standardisierte Datei /.well-known/security.txt.

Und Cookies?

Lehrzeug setzt keine Cookies, weder für Statistik noch für Werbung. Deshalb gibt es auch keinen Cookie-Banner zum Wegklicken. Was du speicherst, liegt im lokalen Speicher deines Browsers und ist für die Funktion unbedingt nötig (§ 25 Abs. 2 Nr. 2 TDDDG). Einzige Ausnahme: Admin-Bereich und Kurzlink-Verwaltung, die nur der Betreiber nutzt, setzen nach der Anmeldung ein technisch notwendiges Sitzungs-Cookie. Gezählt wird nur anonym, wie oft ein Werkzeug genutzt wird, ohne IP-Adresse, ohne Kennung und ohne Cookie.

Speichern und laden

Sichere alles, was du in Lehrzeug angelegt hast, in einer einzigen Datei: Vorlagen, Pläne, Listen, Favoriten und Einstellungen aller Werkzeuge. Ideal für den Umzug auf ein neues Gerät oder als Sicherung vor den Ferien.

Beim Laden ersetzt Lehrzeug nur die Werkzeuge, die in der Datei stehen. Alles andere bleibt, wie es ist. Die Datei ist ein lesbares JSON-Textdokument ohne Programmcode.

Alles liegt nur in diesem Browser. Vor dem Laden einer Vorlage sichert Lehrzeug den Stand der Seite automatisch als „Automatische Sicherung“. Mit dem geplanten Lehrzeug-Konto sind Vorlagen später auf all deinen Geräten verfügbar.

Diese Seite teilen

Zeig den Code am Beamer oder häng ihn ins Lehrerzimmer. Wer ihn scannt, landet direkt hier.

Dem WhatsApp-Kanal folgenJeden Tag ein Werkzeug-Tipp

Bild für den WhatsApp-Status

  1. Bild speichern oder direkt teilen.
  2. In Instagram oder WhatsApp als Story oder Status posten.
  3. Den Link als Sticker oder in die Bildunterschrift einfügen (ist schon kopiert, wenn du auf „Text kopieren“ tippst).

Das Bild entsteht in deinem Browser. Es wird nichts hochgeladen.

Lehrzeug einen Kaffee spendieren (öffnet neues Fenster)