KI im rechten Maß: Was ich in Estland, in einem Start-up und in Fortbildungen gelernt habe
Hallo zusammen,
heute halte ich wieder eine Online-Fortbildung zum Thema KI in der Schule. Der Mitmachraum von Lehrzeug läuft dabei mit: Wo sitzen die Kolleginnen und Kollegen gerade, wie sicher fühlen sie sich mit KI, welche Fragen bringen sie mit? Das ist ein guter Anlass, einmal zu erzählen, woher meine Haltung zu KI kommt.
Ein Blick über den Tellerrand
Ich unterrichte Mathematik, Informatik, Latein und Psychologie. Einige Jahre habe ich im Ausland gearbeitet, an einer deutschen Auslandsschule in Tallinn. Estland gilt als eines der digitalsten Länder Europas, und das spürt man im Schulalltag: Vieles, was bei uns noch Papier ist, läuft dort ganz selbstverständlich digital. Ich durfte dort die digitale Unterrichtsentwicklung mit koordinieren und habe für meinen Master in Schulmanagement mit Schwerpunkt Digitalisierung Schulen und Bildungseinrichtungen in Estland besucht und mit vielen Menschen gesprochen.
Was mich dort am meisten beeindruckt hat, war nicht die Technik. Es war die Gelassenheit. Digitale Werkzeuge waren Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst. Und wo ein Heft und ein Stift besser waren, nahm man eben Heft und Stift.
Start-up-Luft geschnuppert
Später habe ich ehrenamtlich in einem EdTech-Start-up mitgearbeitet. Dort habe ich gelernt, wie schnell man aus einer Idee ein Produkt baut, und wie leicht man dabei vergisst, für wen man es eigentlich baut. Inzwischen habe ich selbst ein kleines Start-up gegründet. Lehrzeug ist davon getrennt und bleibt, was es ist: ein privates, nicht kommerzielles Projekt, kostenlos und ohne Werbung.
KI jeden Tag, aber mit Plan
Ich nutze KI beruflich jeden Tag: zum Strukturieren, zum Programmieren, zum Formulieren, als Sparringspartner. Und ich bilde Lehrkräfte darin fort. Gerade deshalb sage ich in jeder Fortbildung zuerst: Die spannende Frage ist nicht, was KI kann. Die spannende Frage ist, was unsere Schülerinnen und Schüler dabei selbst noch denken.
Der Matthäus-Effekt
„Denn wer da hat, dem wird gegeben.“ Nach diesem Satz aus dem Matthäusevangelium hat der Soziologe Robert K. Merton 1968 den Matthäus-Effekt benannt: Wer schon Vorteile hat, bekommt leichter weitere dazu. Keith Stanovich hat den Gedanken 1986 auf das Lesenlernen übertragen: Wer früh gut liest, liest mehr, lernt dadurch mehr Wörter und liest noch besser. Bei den anderen wächst der Abstand.
Meine Sorge ist, dass KI genau so wirken kann. Wer schon viel weiß, stellt bessere Fragen, erkennt Fehler in der Antwort und nutzt die Zeitersparnis zum Weiterdenken. Wer noch wenig weiß, übernimmt die Antwort, weil er sie nicht prüfen kann, und lernt dabei wenig. Dann öffnet sich die Schere, obwohl alle dasselbe Werkzeug haben. Das ist meine Einschätzung aus der Praxis und keine bewiesene Tatsache. Aber sie deckt sich mit dem, was erste Studien zeigen, dazu mehr im Beitrag am Mittwoch.
Was heißt das für den Unterricht?
- Erst das Fundament, dann das Werkzeug. Wer Grundwissen hat, kann KI-Antworten prüfen. Ohne Fundament wird KI zur Krücke.
- KI dort, wo sie Denken anregt. Als Gegenspieler, der Fragen stellt, nicht als Lieferdienst für fertige Antworten.
- Offen damit umgehen. Wer KI nutzt, sagt es und erklärt, wie. Das gilt für uns Lehrkräfte genauso.
- Zeit sinnvoll zurückgeben. Wenn KI uns Arbeit abnimmt, gehört die gewonnene Zeit den Schülerinnen und Schülern.
Genau dafür baue ich Lehrzeug: Werkzeuge, die uns Lehrkräften Arbeit abnehmen, damit mehr Zeit für das bleibt, was keine Maschine kann.
MitmachraumOnline-Sitzungen, die leben · Umfrage, Wortwolke, Karte und Bewertung für Online-SitzungenZum Weiterlesen
- Robert K. Merton: The Matthew Effect in Science. Science 159 (1968), S. 56–63.
- Keith E. Stanovich: Matthew Effects in Reading. Reading Research Quarterly 21 (1986), S. 360–407.
Wie haltet ihr es mit KI im Unterricht? Ich freue mich über eure Erfahrungen.
Euer Michael






